Presseinformation

28.03.2020

Undine Märchen vorgestellt: "Maries Verwandlung"

Jedes Jahr rufen die Fouqué-Bibliothek und das Brandenburger Wochenblatt BRAWO den stadtweiten Undine-Wettbewerb aus. In der ersten Stufe des Wettbewerbs können junge Literaten im Alter von 7 - 25 Jahre ihre eigenen Märchen einreichen, in der zweiten Stufe werden bildkünstlerische Darstellungen der zuvor eingereichten Märchen von Kindern und Jugendlichen entgegen genommen.

In diesem Jahr musste die Siegerehrung der Märchen-Beiträge zum 16. Undine-Wettbewerb leider ausfallen. Um die literarischen Werke dennoch zu ehren - und um den Familien in Brandenburg an der Havel eine kreative Abwechslung zu bieten - werden seit dem 27.03.2020 jedes Wochenende (freitags und samstags) zwei Siegermärchen vorgestellt.

 

"Maries Verwandlung"

2. Hauptpreis in der Altersklasse 10-12 Jahre
Autorin: Laura Kreilinger, 11 Jahre, wohnt in Werder

„Marie, es ist nun aber wirklich Zeit, zu schlafen!", ermahnte sie ihre Mutter, nahm ihr das Meerjungfrau-Buch aus der Hand und knipste das Licht aus. „Träum was Schönes!"

Marie dachte aber nicht im Traum daran, jetzt, an der spannendsten Stelle, das Buch weg zu legen. Sie hatte es doch erst vorgestern von ihrer Oma zum 9. Geburtstag bekommen.

Kaum hatte ihre Mutter also die Türe hinter sich geschlossen, holte sie das Buch und ihre Taschenlampe und kroch damit unter ihre kuschlige Bettdecke zurück, um zu lesen, bis sie dabei einschlief.

In dieser Nacht träumte sie von einer Meerjungfrau. Sie träumte, dass diese ihr Land retten musste. Doch als es gerade richtig spannend wurde, war plötzlich laut zu hören „Guten Morgen, Marie!". Es war ihre Mutter, die sie weckte. „Na, gut geschlafen? Los, raus aus den Federn! Wir wollen doch unseren Samstagsspaziergang diesmal zum Blumensee machen und dort picknicken. Hier waren wir ja schon eine Ewigkeit nicht mehr!", sprudelte es aus der viel zu wachen Mama.

Marie quälte sich aus dem Bett und machte sich fertig. In der Küche warteten ein leckeres Frühstück und Mama und Papa, die schon alles eingepackt hatten. So gingen sie zusammen sogleich los.

Der Weg war ganz schön lang, weil sie ihre Picknickdecke auf der anderen Seite des Sees ausbreiten wollten. Denn dort gab es eine wunderschöne Blumenwiese, die dem See auch ihren Namen gab. Vor lauter Vorfreude sprintete Marie das letzte Stück. Wie angewurzelt blieb sie plötzlich stehen. Sie schaute sich nach allen Seiten um und traute ihren Augen nicht. Dort wo sonst immer die schönen bunten Wildblumen standen wuchsen nun schwarze, stachelige Büsche. Genau so wenig traute sie ihrer Nase. Es roch streng. Es roch übel, nach fauligen Eiern. Tränen kamen ihr in die Augen. Jetzt kamen auch Ihre Eltern um die Ecke. Sie waren genauso sprachlos.

Kopfschüttelnd und enttäuscht gingen sie nach Hause und verlegten ihr Picknick in den Garten. Sie konnten sich einfach nicht erklären, wie sich dieser wunderbare Ort zu einem stinkenden, gruseligen Ort verwandeln konnte. Das Thema war auch das Hauptgespräch beim Abendessen, bei dem Marie schon die Augen zufielen. Der lange Spaziergang und die große Enttäuschung hatten sie sehr müde gemacht. Selbst zum Lesen war sie zu müde. Um so eher wachte sie am nächsten Morgen auf und jetzt nahm sie gemütlich ihr Buch. Doch, was war das? Da war eine zusammengeklebte Seite. Vorsichtig trennte sie diese auf. Zuerst war da — nichts. Doch als sie schon weiterblättern wollte, erschien plötzlich eine seltsamen, ihr unverständliche, Zeichnung. Und darunter erschien ebenso plötzlich: „ HILFE! Das Wort verschwand und neue Buchstaben blitzten auf. MARIE, du musst uns helfen! Du warst ja letztens am Blumensee. Er ist in großer Gefahr! Es gibt kaum noch Fische. Der Boden ist die reinste Müllhalde, da fühlt sich kein Lebewesen mehr wohl. Geh vor Sonnenaufgang zum Blumensee und spring in ihn. Unten wirst du auf einen goldenen Karpfen treffen. Er kann dir sagen wie du helfen kannst. Er heißt übrigens Eusebius."

Marie schnappte sich ihr Fahrrad und machte sich sofort auf den Weg zum Blumensee. Sie kam noch rechtzeitig, die Sonne begann gerade, hinter dem Horizont aufzusteigen.

Ohne lange zu überlegen, sprang sie samt Kleidung ins Wasser. Das Wasser war kühl und schwarz wie die Nacht. Sie tauchte und versuchte etwas zu sehen, aber nichts. Sie tauchte nochmals ab, diesmal etwas tiefer. Goldene Lichtstrahlen näherten sich ihr langsam. Doch sie musste wieder nach oben tauchen, um Luft zu holen. Dann tauchte sie wieder tief hinab. Jetzt war der Fisch endlich bei ihr. Sie berührte ihn. Er fühlte sich nicht glitschig an. Er fühlte sich so weich wie Watte an. Auf einmal begann Marie unter Wasser zu atmen. Sie wusste selbst nicht, wie ihr geschah. Der Fisch begann zu sprechen: „Hallo Marie! Ich bin Eusebius. Du hast bestimmt schon von mir gehört. Keine Angst, Du wirst dich jetzt langsam in eine Meerjungfrau verwandeln."

Schon wuchs Marie eine Schwanzflosse. Der Fisch sprach weiter: Du musst zu der weisen Schildkröte Undine schwimmen und sie überzeugen, dir den Zauberspruch zu geben, um den See zu retten. Keiner von uns Lebewesen im Blumensee kann mit Undine sprechen. Sie wurde durch einen bösen Zauber in eine Schildkröte verwandelt und möchte nur mit Meerjungfrauen sprechen, da sie selbst auch einmal eine war.

Also machte Marie sich auf den Weg. Eusebius schwamm an ihrer Seite. Sie mussten durch das gefürchtete Algensiebengebirge schwimmen. Das war sehr gefährlich. Sie gingen ein hohes Risiko ein, darin stecken zu bleiben. Aber Eusebius war ein erfahrener Karpfen und wusste, wie er sich durchschlängeln konnte. Nach drei felsigen Unterwasserstädten und fünf weiteren Gebirgen erreichten sie endlich ihr Ziel im Dreizehngipfelwald. Dort klingelten sie an der Haustüre der weisen Schildkrötendame. Undine öffnete ihnen sofort, als sie sah, dass eine Meerjungfrau zu ihr kam. Sie bat sie herein und lud sie auf ein Stück Algentorte ein. Dann sprach die Schildkrötendame mit heiserer Stimme: „Was führt euch zu mir, dass ihr eine so weite und gefährliche Reise auf euch nehmt?"

Marie stotterte: Wir sind hergekommen, weil unsere Seite vom See so vermüllt ist, so dass dort keine Tiere mehr richtig leben können und die Menschen sich am See auch nicht mehr wohlfühlen. Da ergriff Eusebius das Wort: „Marie, bitte Undine, dir den Zauberspruch aus ihrem alten Zauberbuch von Seite 333 zu verraten. Es geht um einen Spiegel."

Marie wandte sich mit der Bitte an die Schildkrötendame. Undine wollte ihnen nur unter einer Bedingung das Buch zeigen. Die Bedingung war, dass sie eine Schuppe von Maries Schwanzflosse bekommt. Denn das war ihre letzte Hoffnung, wieder eine Meerjungfrau zu werden.

Marie willigte ein und gab ihr eine ihrer blau goldenen Schuppen. Undine zerkaute diese sogleich, nichts geschah. Sie eilte in ihr Schlafzimmer und kam mit dem Zauberbuch zurück.

Seite 333, Marie las: „Der Zauberspiegel: Ihr zwei Meerjungfrauen müsst Algen essen. Danach schwimmt drei Runden Hand in Hand, an der Stelle wo der Spiegel erscheinen soll. Anschließend sprecht ihr folgende Worte im Kopfstand: Erschein, erschein nun Spieglein. Dort oben hin mit dir. Zeige wie Menschen dort einst beim Picknick achtlos Müll hinterließen. So soll es sein, so soll es sein, Spiegel erschein!"

Plötzlich gab es einen lauten Knall. Die Schildkröte war verschwunden. Ein Wasserwirbel bildete sich und färbte das Wasser golden. Marie und Eusebius erschraken und trauten ihren Augen kaum. Eine wunderschöne Meerjungfrau stand vor ihnen: „Danke, ihr habt mich vom Zauber erlöst! Nun muss ich endlich keine alte Schildkröte mehr sein! Los, lasst uns den Blumensee retten!"

Die drei schwammen sofort zu der Stelle, an welcher Marie in den See gesprungen war. Denn dort würden heute, am Sonntag, bestimmt wieder viele Leute spazieren. Dann werden sie sehen, was sie angerichtet haben...

Dort angekommen aßen die beiden Meerjungfrauen eine Alge. Danach schwammen sie drei Runden Hand in Hand und sprachen dann die Zauberformel. Zehn Minuten vergingen. Eine graue Schicht bildete sich auf der Wasseroberfläche. Nach weiteren fünf Minuten hatte sich der Zauberspiegel endlich gebildet. Marie tauchte auf und schaute in den Spiegel. Er zeigte an: „Liebe Marie, danke, dass du uns helfen willst."

Oh, da kamen schon die ersten Spaziergänger. Schnell tauchte sie wieder ab und beobachtete mit ihren zwei neuen Freunden das Geschehen.

Als der erste Spaziergänger auf den See blickte zeigte der Spiegel mehrere Bilder, wo er etwas in den See warf. Der Mann stand da, wie versteinert. Weitere Spaziergänger kamen dazu. Wieder zeigte der Spiegel ein Bild, wo ein Spaziergänger achtlos seine leere Trinkflasche und seine Einkaufstüte in den See warf. Immer mehr Bilder erschienen, worauf sich die Leute wohl erkannten. Zwischendurch erschienen traurige Fische, die sagten: Bitte helft uns!

Die Leute erschraken. Sie hatten gar nicht wahrgenommen, wie viel Müll jeder von Ihnen im Blumensee und auf der Wiese hinterlassen hatte. Sie waren schockiert, was sie wohl angerichtet hatten.

Da trafen sie einen Entschluss. Sie starteten eine Aktion mit der ganzen Stadt. Der Bericht, der in der Zeitung darüber stand, lautete so: Rettet den Blumensee. Jeder von euch kann einen Beitrag dazu leisten, dass der Blumensee wieder schön wird. Kommen Sie morgen mit Keschern zum See!

Am nächsten Tag hatte sich schon eine große Menschenmenge dort mit ihren Keschern versammelt. Alle angelten so viel Müll heraus, wie sie nur konnten. Der Spiegel war komischerweise schon bis zur Hälfte verschwunden, als es plötzlich laut klirrte. Der Spiegel zersprang in tausend Stücke. Der See war auf einmal kristallklar wie noch nie. Eusebius klatschte voller Freude in die Flossen und erklärte den beiden Meerjungfrauen: „Dies ist das Geschenk des Zauberspiegels, weil so viele Menschen versuchen, den See zu retten." Auch die Blumenwiese war wieder die Alte, mit herrlich duftenden Wiesenblumen.

Zum Abschied schenkte Undine Marie eine Schuppe von ihrer Flosse. „Iss diese Schuppe, dann wirst du wieder zu einem Menschenkind." Marie verabschiedete sich von der schönen Blumensee-Unterwasserwelt, aß die Schuppe, tauchte auf und geseilte sich zu ihren Eltern, um so wie früher an dem herrlichen Blumensee zu picknicken.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann achtet noch heute jeder Einzelne darauf, dass er keinen Müll mehr in den Blumensee wirft.